An meinen Marktständen mit Naturmaterialien und Ritualobjekten erlebe ich immer wieder besondere Begegnungen. Doch diese hier werde ich nicht vergessen. Diese Geschichte zeigt, wie fein Kinder oft auf Natur und echte Materialien reagieren.
An einem Adventsmarkt letzten Herbst, an dem ich ausgestellt habe, hatte ich eine Begegnung, die mich noch immer berührt. Ein Junge, so ca. 9 Jahre alt, stand mit seiner Oma an meinem Stand. Sie betrachteten beide mit Faszination und Neugier meine Sachen, so aufmerksam, wie es ganz selten jemand tut. Die Bewunderung und der Respekt den tierischen Schmuckstücken gegenüber waren deutlich in ihren Augen zu erkennen. Ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass sie offenbar die Schönheit der Dinge ebenfalls mit mir teilten. Sie standen einige Minuten da und begutachteten jedes einzelne Stück. Als sie sich aufmachten zu gehen, schenkte ich dem Jungen eine Feder. Er freute sich sehr darüber.
Eine Weile später kam ein Mann an meinen Stand mit einem Jungen, der unbedingt auch eine Feder wollte. Sie standen da und der Kleine, etwas jünger als der vorige Bub, äusserte mehrmals, dass er ebenfalls eine Feder wolle. Nun, ich verschenke sie nicht einfach so an jeden, nur weil gequengelt wird. Der Vater hatte es dann nach einer Weile begriffen und fragte nach dem Preis, um dem Kleinen dann eine zu kaufen. Dann verliessen sie den Stand wieder.
„Wenn Begeisterung echt ist“
Nach einer weiteren Weile kam der erste Junge mit seiner Mutter wieder an den Stand und zeigte ihr aufgeregt, aber bedacht all die Dinge, welche er zuvor entdeckt hatte. Sie schaute sich die Sachen einen kurzen Augenblick an, um ihm dann zu sagen, dass er wohl schon so etwas habe. Ich habe nicht alles verstanden, aber der Bub liess nicht von seiner Begeisterung ab. Er zeigte auf ein paar Sachen und war wohl fest entschlossen, dass er etwas davon haben möchte. Besonders hatten es ihm die Anhänger aus Rehkiefer angetan, auf denen nordische Tiermotive eingebrant waren. Jedoch erwiderte seine Mutter nur, dass das, was er wohl schon zu Hause habe, irgendwo in der Garage verstaut sein müsste. Dann forderte sie ihn auf zu gehen und drehte sich weg, um zu gehen. Ohne grossen Wiederstand und offensichtlich enttäuscht, schaute der Kleine seiner Mutter nach und auch ein „Aber Mama…!“ schien nicht zu helfen. Er lief ihr entmutigt nach und ich hörte förmlich sein kleines Herzchen zerbrechen.
Ich beobachtete die beiden, wie sie dann einige Meter entfernt zu einer Gruppe von Erwachsenen stiessen. Die Mutter begrüsste überschwänglich die anderen und hatte schon vergessen, was ihr Sohn sich gewünscht hatte. Der Kleine stand mit dem Rücken zur Gruppe neben der Gruppe etwas abseits den Kopf gesenkt und schaute in den Boden. In seinem Gesicht war die Enttäuschung und Traurigkeit zu sehen. Jedoch versuchte er sie angestrengt zu verstecken und hielt krampfhaft die sich schon in seinen Augenwinkeln bildenden Tränen zurück. Dieser Moment hat mein Herz zerrissen. Ich verstehe die Mutter, die die Begeisterung für Fell, Geweih und Federn nicht teilt. Aber was gibt es Schöneres für Kinder, als wenn sie sich so sehr für die Natur begeistern können?
„Kinder sehen, was wir oft übersehen“
Also bin ich zu dem Jungen hin gelaufen, bückte mich auf Augenhöhe zu ihm hin und fragte ihn, ob er sich einen der Anhänger aussuchen möchte. Der Schatten in seinem Gesicht wich urplötzlich einem hellem, strahlenden Lächeln. Eifrig nickte der Kleine und folgte mir rasch an den Stand. Zielstrebig nahm er 2, 3 verschiedene der Reh-Anhänger in die Hand, um sich dann schnell für einen zu entscheiden, und bedankte sich bei mir mit einem breiten und glücklichen Lächeln. Dann hängte er sich die Kette schnell um den Hals und wandte sich seelig wieder seiner Familie zu. Stolz präsentierte der Junge den Anhänger und jeder im Kreis freute sich mit ihm und bestaunte sein Geschenk.
Wie zu erwarten, meldete sich im selben Augenblick der kleinere, blonde Junge weil er doch auch so eins haben will. Aber dieses Mal reagierte niemand. Und ganz zu meinem Wunder, lenkte der Kleine bald ein. Der Grössere schaute noch immer stolz und ganz in seiner Welt auf den Anhänger um seinen Hals. Inzwischen hatte er die Feder zusätzlich sehr geschickt an dem Anhänger angebracht. Eine liebe Freundin, die an dem Tag zusammen mit mir den Stand betrieb und die ganze Situation mitbeobachtet hatte, meinte mit einem Augenzwinkern, dass dies wohl der nächste Schamane sei. Ja, ein Verständnis für die Schönheit der Natur hat er bestimmt schon.
„Warum mich dieser Moment bewegt hat“
Ich schreibe diese Geschichte nieder, nicht weil ich zeigen möchte, wie grosszügig ich bin. Sondern dass Kinder, vor allem die Stillen unter ihnen, oft übersehen beziehungsweise überhört werden. Es ist wichtig, ihre Gefühle, Talente und Begeisterung zu erkennen und ernst zu nehmen. Mich hat diese Begegnung so sehr berührt, wie selten in meinem Leben. Ich fühlte mich so sehr verbunden mit der Faszination in seinen Augen, dass es mich heute noch nicht loslässt. Darum musste ich dies teilen.
Meiner Arbeit lebt von genau solchen schönen Begegnungen.
