Ritualobjekte entstehen nicht nach Plan. Sie entstehen, weil SIE darauf bestehen.
Als diese Auftraggeberin an mich trat, habe ich, wie bei jeder Spezialanfertigung gefragt, welche Tiere, Farben oder Symbole sie mag. Der Jaguar war von Anfang an gesetzt. Und die Muttergöttin. Dazu wünschte sie sich wunderschön gemusterte Argusfedern, sowie eine Bussardfeder. Dies sind zwei Vogelarten, die ich von mir aus niemals zusammen verarbeitet hätte. Solches Neuland zu betreten, macht mir darum umso mehr Spass. Ich muss mich in das Thema einfühlen. Erahnen, was das Objekt für eine Sprache spricht und was gesehen werden will. Es lauern viele Überraschungen und ich erhalte jedes Mal reiche Erkenntnisse.
Die Auftraggeberin sendete mir noch persönliche Gegenstände zu. Als das kleine Päckchen mit dem erwarteten gemusterten Schlangenholz für den Griff ankam, war zuerst keine klare Idee da, wie all das an einem Fächer Platz finden sollte. Da war diese grosse, schwere Schneeflockenobsidian-Kugel, in Gold gefasst. Und der goldene Jaguar, der von seiner Form her eigentlich nicht anbringbar war. Alles sehr präsente Details.
Lange habe ich mir Gedanken gemacht, wie sich all diese Elemente in einem Ausdruck gefühlvoll verbinden könnte, ohne dass es überladen wirkt und ohne dass es thematisch an der Person vorbeigeht, für die dieser Fächer entstehen sollte. Lange lagen die Federn und das übrige Material auf meinem Tisch. Immer sichtbar beim Vorbeigehen, eine stimmige Lösung wollte sich nicht zeigen. Zeit verstrich. Ich hatte viel zu tun, aber täglich sprach es mich an.
Irgendwann nahm ich alles zusammen und begann einfach. Zuerst mit den Federn, deren farbig gemusterte Pracht sehr edel und auffällig ist. Sie wurden in Form gebracht und zurechtgestutzt. Danach der Griff aus dem gefleckten Holz. Der Jaguar und die Muttergöttin sollten dort ihren Platz finden. Die Muttergöttin wurde in den Griff eingelassen. Dann sollte es auch der Jaguar sein. Er sollte fest mit dem Fächer verbunden sein, der ihm geweiht sein würde. Also bekam er den präsentesten Platz am Griff, ausgerichtet in Richtung der Behüterin. Doch der Jaguar war golden, die Muttergöttin nicht. Das passte nicht zusammen. Wie also weiter?
Ich versuchte mich zu erinnern, welche Farben der künftigen Begleiterin gefallen. In einer Sprachnachricht hat sie erzählt, dass eigentlich alle Farben mag, wie ein Regenbogen. Und ganz am Schluss, fast beiläufig und ganz leise, kam noch der Satz, dass sie Gold im Moment besonders schön empfindet. Kann das wirklich sein? Noch mehr auffällige Details? Glanz, Präsenz – und JA, doch, es kann! Edle Würde. Das wurde zum Aufhänger für alles Weitere.
Also sollte nicht nur der Jaguar golden sein, sondern auch die Muttergöttin. Ein Mond war ebenfalls gewünscht und dieser liess sich gut mit der Muttergöttin verbinden. Also kam auch der Mond in Gold. Die getupften Federn und der gefleckte Holzgriff, beide in warmen Brauntönen, begannen plötzlich sehr stimmig mit dem Gold zu wirken.
Langsam, entwickelte sich unter meinen Händen ein imposantes Göttinnenzepter. Mehrmals stellte ich mir die Frage, ob das wirklich diese Welt ist, welche Ausdruck sucht. Doch der Jaguar-Göttinnen-Fächer wollte mehr! Also versuchte ich, auch die Obsidian-Kugel noch unterzubringen. Vom Gewicht her war sie eigentlich zu schwer für einen Räucherfächer. Sie irgendwo einzufassen, war ebenfalls nicht möglich. Es blieb nur eine Lösung: sie am Ende des Griffs zu befestigen.
Und der Fächer wollte mehr: Glöckchen, Quaste, noch mehr Gold – Alles für die Jaguar-Göttin!
Viel Mitspracherecht blieb mir dabei nicht mehr. Gerade noch so liess sich aushandeln, dass diese „Anhängsel“ abnehmbar sein durften. Der Fächer schien zu verstehen, dass seine eigentliche Aufgabe, nämlich das Wedeln, sonst nicht mehr richtig ausgeübt werden könnte. Also brachte ich die schweren Teile mit einer abnehmbaren Öse an.
Inzwischen hatte mich dieser Fächer überzeugt, dass hier ein Aspekt der künftigen Hüterin zum Vorschein gekommen ist, der schon lange auf seine Gelegenheit gewartet hat. Punkte dürfen gezeigt werden. Und Gold darf im Sonnenlicht glänzen. Die Jaguargöttin hat zum Sprint angesetzt und lässt sich jetzt durch nichts mehr aufhalten.
Inzwischen ist die Jaguargöttin nach einer längeren Reise bei ihrer Behüterin angekommen.



Anmerkung: Der Griff besteht nicht aus echtem Schlangenholz südamerikanischen Art Brosimum guianense. Der Begriff “Schlangenholz” hat sich Lokal etabliert, um ein Totholz zu benennen, welches eine optisch schlangenhautartige, dunkle Maserung aufweist. Dies ist ein Prozess der Holzspaltbildung genannt wird. Die Holzverfärbung und Zeichnung wird durch das Wachstum von Pilzen im Holz verursacht, das oft zu attraktiven Mustern, Linien und Flecken führt.
