Seidig weich fühlt es sich an, das Fell des Hasen. An der Wand, sämtliche Trophäen von Rehböcken. Am Boden liegt ein grosses Bärenfell. Allzu gut erinnere ich mich an das «Jagdzimmer» von Rene, dem Cousin meines Vaters. Oft erzählte er von seinen Reisen in die ungarischen Wälder. Einmal hatte ihn eine Wildsau angegriffen. Das war sehr eindrücklich für mich. Aber niemals befremdlich.
Jagd, Demut und Erinnerung
Gerne werden die “Trophäen” von erlegtem Wild zur Erinnerung an die Wand gehängt. Dies dient nicht nur grosser Prahlerei. Erinnern soll das Stück an das eindrückliche Erlebnis des Moments, in dem nur das Wild und der Jäger existieren. An dieses rohe und urtümliche Gefühl der Erlegung und der Demut gegenüber dem Leben und dem Tod. Es ist die Ehrerbietung eines so majestätischen und edlen Geschöpfes, welches sein Leben liess.
Geweihe als Machtsymbol und Lebenszeichen
Seit Anbeginn der Zeit von uns Menschen üben Geweih und Hörner eine Faszination auf uns aus. Ist der archaische Kopfschmuck doch ein Machtsymbol, so dient er auch als Verteidigungswaffe. Es ist Sinnbild für die Lebensenergie, da es jährlich abgeworfen wird und im neuen Jahr von neuen wächst. So entwickelten sich ganze eigene Kulte daraus.
Anatomisch gesehen, gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Horn und Geweih. Das Geweih ist die nach einem Ast anmutende Verzweigung auf dem Haupt der männlichen Hirschen. Ausgenommen sind Rentiere, bei denen auch weibliche Tiere ein Geweih tragen. Der jährlich abgeworfener Kopfschmuck besteht aus lebender Knochensubstanz, der auf den sogenannten Rosenstöcken des Schädels wächst. Ein Horn ist ein fest mit dem Stirnbein verwachsener Knochenzapfen, der von einer Hornscheide aus Keratin umhüllt ist. Sie wachsen ein Leben lang, werden nicht abgeworfen, sind durchblutet und mit den Stirnhöhlen verbunden.
Das Horn begleitet den Menschen seit der Altsteinzeit als Werkstoff. Archäologische Funde zeigen, dass Geweihe und Hörner bereits vor rund 40 000 Jahren als Werkzeuge und Schmuck verarbeitet wurden. Besonders im Jungpaläolithikum nutzten Menschen Hirsch und Rentier nicht nur als Nahrungsquelle, genauso wegen ihres widerstandsfähigen Geweihmaterials.
Mit der Zeit erhielt das Horn eine symbolische Dimension. Ein bekanntes Beispiel ist die etwa 25’000 Jahre alte Venus von Laussel aus Frankreich, die ein Bisonhorn mit eingeritzten Kerben trägt. Viele Forschende sehen darin einen Hinweis auf frühe Vorstellungen von Zyklen, Fruchtbarkeit und kosmischer Ordnung. Ich erkenne die Verehrung des weiblichen Körpers, welcher im Einklang mit der Natur und der Kosmologie neues Leben erschaffen kann. Sie zeigt keine erfundenen Geschichten oder Mythen. Das Weibliche ist ein Abbild dessen, was die wahrhaftige und greifbare Schöpfung des Lebens ist. Dies unterstreicht das Horn in ihrer Hand, welches auch die 13 Zyklen des Mondes beschreibt. Ausserdem ist das Bison zum Beispiel noch heute für viele nordamerikanische indigene Völker weit mehr als ein Tier. Es ist zugleich Lebensgrundlage, Lehrer und heiliges Wesen.
Das Horn wird hier nicht als Jagdbeute sichtbar. Es ist das Zeichen zyklischer Weltdeutung. Dreizehn Kerben, so wird es allgemein interpretiert, stehen in Verbindung mit den Mondphasen eines Jahres. Blut, Mond, Fruchtbarkeit folgen demselben Rhythmus von Werden, Vergehen und Wiederkehr. In frühen agrarischen Gesellschaften bildete dieses zyklische Denken die Grundlage für Zeitverständnis und Ritual. Ob diese Kulturen politisch matriarchal organisiert waren, ist archäologisch umstritten. Unübersehbar ist jedoch die starke Präsenz weiblicher Symbolik und einer Kosmologie, die Leben nicht linear, sondern kreisförmig begreift.
Im Neolithikum treten Hörner schliesslich deutlich im rituellen Kontext auf. In der Siedlung Çatalhöyük in Anatolien wurden Stierhörner bewusst in Hausaltäre integriert. Hier zeigt sich erstmals klar der kultische Charakter des Horns als Symbol für Lebenskraft, Schutz und Übergang.
Aus meiner Region am Bodensee sind die Mondhörner aus der spätbronzezeitlichen Unefelderkultur (3300 bis 2800 v.u.Z.) bekannt. Noch ist ihr einstmaliger Gebrauch lange nicht erklärt und gibt viele Rätsel auf. Doch der Gebrauch im rituellen Kontext kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden.
Schamanische Geweihmasken der Mittelsteinzeit
Der Hirsch wurde nachweislich schon in der Mittelsteinzeit, also bis vor über 11’000 Jahren, verehrt. Dies belegen Funde der Ausgrabung Star Carr bei York, bei der 21 Hirschgeweihe vom Rotwild gefunden wurden, die gebohrte Löcher aufwiesen, um sie offensichtlich auf dem Kopf zu tragen. Auch bei Bedburg-Königshoven wurden zwei gut erhaltene “Geweih-Masken” gefunden. Nach dem Stand der Archäologie sollen diese bei schamanischen, rituellen Handlungen getragen worden sein, um sich in die Herde mental einfühlen zu können und sich einen Jagderfolg zu sichern.
Schamanische Traditionen verschiedenster Kulturen kennen das Geweih als Mittel der Verwandlung. Wer es aufsetzt, überschreitet symbolisch die Grenze zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Schmuck, sondern ein Übergangsinstrument. Der Träger verlässt für einen Moment seine menschliche Perspektive und tritt in die Wahrnehmung des Wildes ein. Jagd war nicht nur Technik, sondern Beziehung.
Das Geweih steht hier nicht für Herrschaft, sondern für Einfühlung. Für das Wissen, dass der Mensch Teil eines grösseren Gefüges ist und nicht darüber steht. In nordischen, sibirischen und indigenen Traditionen gilt das Tier als Lehrer und Vermittler zwischen den Welten. Das Geweih wird damit zu einer Art Antenne – ein Sinnbild für Verbindung und für das Lauschen in andere Ebenen des Seins.
Cernunnos – Der Gehörnte
Cernunnos, oft als „der Gehörnte“ bezeichnet, ist ein zentraler, rätselhafter Gott der keltischen Mythologie, der als Herr der Tiere, Wälder, Fruchtbarkeit und der wilden Natur verehrt wurde. Sein Name deutet auf Hörner hin, meist dargestellt durch ein Hirschgeweih, was Stärke, Fruchtbarkeit und die Verbindung zur Natur symbolisiert. Er ist der Herr der Tiere und gilt als Vermittler zwischen Mensch und Natur, der wilde Tiere zähmen kann. Eine bekannte Abbildung Cernunnos ist auf dem Kessel von Gundestrup (ca. 1. Jh. v.u.Z.).
Hörner als Kult- und Signalobjekte
Trinkhörner waren im Alltag der Wikinger (ca. 800–1050) bedeutende Gebrauchs- und Kultgegenstände, die Gastfreundschaft, Stärke und soziale Zusammenkünfte (Met-Trinken) symbolisierten. Auch als Signalinstrumente diente das Rufhorn dazu, Nachrichten über weite Entfernungen auf See oder im Kampf zu übermitteln. So wie in der Schweiz das Turbhorn aus Ziegenhörnern war, das früher Arbeit, Gefahr oder Zusammenkunft bedeutete. Es diente als akustisches Zeichen über weite Distanzen hinweg, auf Alpen, zwischen Höfen, bei Wetterumschwung oder als Ruf zur Hilfe. Der Klang ist sehr rau und archaisch.
Fazit
Geweihe und Hörner sind mehr als Relikte der Jagd oder dekorative Objekte. Als Zeichen zyklischer Erneuerung, Ausdruck von Kraft, Fruchtbarkeit sind sie die Verbindung zur wilden Natur. Seit Jahrtausenden begleiten sie Rituale, Jagd, Gemeinschaft und spirituelle Praxis.
Sie stehen für das Spannungsfeld zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Tier, zwischen Wildheit und Bewusstsein. Auch heute können sie diese archaische Dimension sichtbar machen – als Zeugnis von Achtung, Wandlung und natürlicher Ordnung.
In meinem ERDE-Shop findest du ausgewählte Hörner und Geweihe sowie daraus gefertigte Objekte. Ich arbeite mit diesen Materialien aus Respekt vor dem Tier und seiner Geschichte. Jedes Stück trägt Spuren eines Lebens und vielleicht eine Resonanz für das eigene.
